Die Welle rollt

01.10.2001

Streaming Magazin Oktober 2001

Die Nachfrage nach digitalen Video- und Audio-Streams wird in den nächsten fünf Jahren steigen. Wer auf diesen Zug aufspringen will, sollte jetzt sein Content Management wasserdicht machen, bevor die Datenflut hereinbricht.



Will man den Marktforschern glauben, so werden die Jahre 2002 bis 2005 Entscheidungsjahre für alle diejenigen sein, die sich auf das Geschäft mit Streaming Content einlassen wollen. Denn in diesem Zeitraum soll die Verbreitung breitbandiger Internetzugänge ebenso wie die Nachfrage nach digitalen Audio- und Video-Streams eine Größe erreichen, die dieses Geschäft auch für den Massenmarkt lukrativ macht. Bis 2003 werde mit 20 Prozent Breitbandnutzern eine kritische Masse im Markt erreicht sein. Weiterhin erwarte man in diesem Marktsektor ein durchschnittliches Jahreswachstum von 58 Prozent bis 2005, so die neue Forrester-Stude "Profitables Breitband" vom Juli dieses Jahres.
Inhalte, die sich streamen lassen, haben ähnlich gute Marktaussichten. Geht es nach den Autoren der Studie "Interaktive Breitbandmedien: Konzepte für einen erfolgreichen Geschäftsstart" von Accenture, werden in den kommenden Jahren lukrative multimediale Märkte entstehen. Dazu zählen zum Beispiel die Produktion und der Verkauf von Informationen, interaktives Shopping, Permission Marketing und interaktiver Handel. Im europäischen Markt für Digital Content Distribution (DCD) sagt die Aberdeen Group ein Wachstum von 40 Prozent bis 2005 voraus. Im Moment hinke der europäische Markt jedoch noch dem US-Markt hinterher. Analyst Matthjis Leendertse macht die Verzögerungen bei derVermarktung von Breitbandanschlüssen dafür verantwortlich.
Es lohnt sich also, bereits heute darüber nachzudenken, ob Streaming Content ein gewinnbringender Teil des Geschäftsmodells werden könnte. Für ein Medienunternehmen sei es auf alle Fälle sinnvoll, sich im Bereich Streaming Media Kompetenzen anzueignen, um das Geschäft der Zukunft nicht zu verpassen, so Stefan Hiene, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der deutschen Content-Wirtschaft (VDCW). Ein Shop im Internet brauche dagegen nicht unbedingt Streaming. "Über kurz oder lang geht es darum, wie man überhaupt Geld mit diesen Inhalten verdient. Die erste Frage muss immer lauten: Ist das ein Geschäftsmodell von mir?" Sollte dies also der Fall sein, ist es wichtig, sich jetzt um die Möglichkeiten zu kümmern, diesen Content angemessen zu verwalten. Hier kommt das Content-Management-System ins Spiel. Je nach Einsatzbereich muss es dazu fähig sein, Audio- und Videodaten für unterschiedliche Arten von Streaming-Anwendungen zu verwalten. Das wären beispielsweise Live-Internetübertragungen, Radiosendungen, Video-on-Demand, Live- oder On-Demand-Streaming-Werbung im Entertainment und Mediendienste-Bereich. Auch betriebsintern findet Streaming Content bereits Anwendung. Global operierende Unternehmen übertragen Quartalsberichte per Videostream über das Internet in ihre Filialen im Ausland. Andere schulen auf diese Weise ihre Mitarbeiter. Das bestätigen Lou Latham und Garth Landers, Analysten bei der Gardner Group. "Auf Unternehmensebene sehen wir Anwendungsmöglichkeiten für Rich Media in den Bereichen Human Resources und E-Learning. Dazu gehören Ausbildungsabteilungen, Markeingabteilungen und spezielle Anwendungen wie das Training für neue Produkte oder für neue Mitarbeiter und bei allgemeinen Unternehmensmeldungen."
Für die neueste Forrester-Studie "Content Management" wurden 35 Medi-Manager zu ihrer Content-Management-Strategien befragt. Ungefähr ein Drittel verwenden noch selbstgestrickte Content-Management-Systeme. Das wird jedoch mit den steigenden Anforderungen an Verteilung und Verwaltung nicht mehr ausreichen. Die Autoren der Content-Management-Studie stellten fest, dass bei der Verwaltung von neuen Medien drei Funktionsbereichen große Bedeutung große Bedeutung zukommt: zunächst einer lückenlosen Anbindung an weitere Systeme wie ERP- oder SCM-Lösungen, die bereits im Unternehmen vorhanden sind. Dazu gehört auch die Abbildung des Workflow und eine Versionskontrolle. Das ermöglicht es nicht nur allen Mitarbeitern, abteilungsübergreifend zusammenzuarbeiten, sondern vermeidet auch Chaos auf der Homepage. Zum zweiten braucht es eine gut organisierte Lösung für die Speicherung und Archivierung der großen Datenmengen, die Streaming-Content mit sich bringt. Und drittens bedarf es der Verwaltung von Metadaten, die unter anderem die Grundlage bilden für Kundenanbindungsmaßnahmen wie beispielsweise personalierte Content-Verteilung.


10 Praxis-Tipps
vom CMS-Spezialisten Stefan Hiene

Technische Aspekte

1. Skalierbarkeit durch Multi-Tier-Architektur
Verteilung auf Webserver, Application Server, Database-Server)

2. Datenbankbasierung zur Verwaltung großer Datenmengen

3. Ausfallsicherheit durch redundante Auslegung aller kritischen Systemkomponenten

4. Modularer Systemaufbau und API (Application Programming Interface) zur einfachen Erweiterung und Anpassung des Systems

5. Leitungs- und Zugriffssecurity für Abhörsicherheit und zur Vergabe von Zugriffsrechten

Funktionale Aspekte

6. Datenimport und -export zur leichteren Integration bestehender Daten und zur Gewährleistung der Wiederverwertbarkeit

7. Verwaltung von Metainformationen

8. Volltext- und Indexsuche vor allem im Bereich der eingepflegten Stichworte und Metadaten

9. Unterstützung aller bekannten Dateiformate/Objekttypen

10. Medienneutrale Speicherung


Im Bereich der Systemintegration ist bei der Verwaltung von RichMedia die Verbindung zum einen zum Streaming-Server und zum anderen zur Datenbank besonders wichtig. Denn dort werden die Metadaten gehalten, über die das CMS die eigentlichen Rich-Media-Daten auf dem Streaming-Server ansprechen kann. Zum Standard gehört dabei eine SQL-Schnittstelle zur Datenbank. Was die Metadaten angeht, ist es im Moment nur bedingt möglich, sie auch für Audio- und Videodaten automatisiert zu erstellen. Zusatzsoftware, wie sie zum Beispiel Virage anbietet, erkennt Text, der in einem Audio- oder Video-Stream gesprochen wird, oder auch Gesichter von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Politikern oder Medienstars. Außerdem gibt es Software, die die Datei-Informationen - so genannte Header - erkennt, speichert und sie so für die Archivierung aufbereitet. Das Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen in Nürnberg hat einen solchen Zusatzdienst entwickelt. Es handelt sich um eine so genannte Wasserzeichentechnik für Audio-Dateien, die sich außer zur Archivierung auch dazu einsetzen lässt, im Hörfunk Reichweiten zu ermittelnm das Hörerverhalten auszuwerten und Copyrights zu schützen. Weiterhin aollten CMS-Anwender die Möglichkeit haben, Content nicht nur für einen Kanal - entweder Streaming oder konventioneller Text - anbieten zu können, sondern ihn medienübergreifend aufzubereiten und zu verteilen. Außerdem sollten CMS der Zukunft auch erkennen, wie viel Bandbreite dem Endnutzer zur Verfügung steht und Streams daraufhin in verschiedenen Komprimierungsdichten anbieten. Das bestätigt auch Stefan Hiene, VDCW: "Wenn es generell um CMS innerhalb eines Unternehmens geht - eines Verlags oder eines Medienhauses -, dann liegen die kritischen Faktoren in dem Bereich, diese Formate medienneutral zu halten und auch medienübergreifend publizieren zu können. Wenn ich also eine Information veröffentlichen will, dann muss sie genauso als Videotext ausgegeben werden können wie als Beitrag für den Moderator im TV und auch als Inhalt auf der Website. Und dazu muss man natürlich an bestimmten Schnittstellen des Beitrags auch zu kürzen in der Lage sein, und zwar am besten automatisiert. Geht es um Web-CMS, dann ist mit Sicherheit die Frage der automatisierten Komprimierungin verschiedenen Qualitäten sehr wichtig."
In diesen Bereich fällt auch die Bandbreitenerkennung und- verwaltung. Thomas Kleetsch, Engagement Manager Sektor Communications bei IBM, erläutert: "Man kann bei der Bandbreitenverwaltung zwischen zwei Möglichkeiten wählen. Entweder, man passt die Bandbreite dynamisch an, das heißt, man akzeptiert grundsätzlich jeden Nutzer und verteilt die Bandbreite immer wieder neu auf alle. Oder man lässt nur eine bestimmte Anzahl an Benutzern zu, die immer denselben Anteil am gesamten Breitband haben. Real Networks hat zum Beispiel eine Dynamisierung der Bandbreite als Weg gewählt, IBM bervorzugt eine statische Bandbreiten-Verwaltung." Und wenn es dann zu guter Letzt ans Bezahlen des Contents geht, ist es hilfreich, wenn das CMS ein Abrechnungsmodul anbietet, das sowohl dem Content-Provider als auch seinen Kunden die notwendige Transparenz bei der Abrechnung ermöglicht.
von Elisabeth Schuster